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Nur eine Geige?

Der Junge wird langsam groß. Da braucht er auch eine große, eine volle 4/4 Geige. An einem Winterabend kam er aus der Musikschule heim und hatte drei Instrumente zur Auswahl mitgebracht. Eine Nacht und einen Tag lang hatte er Zeit, sie auszuprobieren. Dann würde er zusammen mit seiner Lehrerin die endgültige Entscheidung fällen. Die bisherige 3/4-Geige mitsamt den beiden abgelehnten Probeinstrumenten würden an den Geigenbauer zurückgehen. Wenn man so will, eine Entscheidung fürs Leben.
Das optisch vielleicht reizvollste Exemplar aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet schnell ins Hintertreffen. Letztlich hörte es sich so an, als spielte ein Schüler die ihm aufgegebenen Stücke leidlich durch. "Nichts gegen die Geige", dachte ich, "sie bringt die Situation wohl treffend zum Ausdruck."
Welch ein Klangerlebnis aber bot dagegen das zweite Instrument! Er spielte aus einem Konzert von Vivaldi. Die Töne waren kräftig und klar von den tiefen bis zu den höchsten Lagen. Diese Violine ließ sich offenbar sauber spielen und ließ sich in aller Fülle entlocken, was der Musiker zum Ausdruck bringen wollte und was ihm am Herzen lag. Der Klang war harmonisch-brilliant, rund und voll. Und so oft dieses Instrument an jenem Abend noch zur Hand genommen wurde, es bestätigte immer wieder den Eindruck vom Zauber einer Vollkommenheit, der ihm entströmte. Es war nicht leicht, sich gegen dieses Instrument zu entscheiden, und ich war froh, daß nicht ich die Entscheidung treffen mußte.
Was war denn überhaupt noch zu erwarten über diese tiefen Eindrücke hinaus? Ich war noch ganz umfangen vom musikalischen Genuß, schlummerte in gleichsam seliger Andacht. Da nahm der Junge die dritte Geige zur Hand, stimmte die Seiten und setzte den Bogen an. Und ich schrak auf aus der wohlgefälligen Besinnung. Was für Klänge! Das war nicht wie ein Musikinstrument - das war Gesang. "Diese Violine lebt", schoß es mir durch den Kopf. Sie hatte ausgeharrt, bis sie an der Reihe war, und nun jubelte sie Vivaldi und sang danach eine Etüde von Sebastian Lee. "Wie hält sie es mit der Zuverlässigkeit", fragte ich mich ungläubig. "Spielt sie auch, was sie soll? Oder singt sie etwa, was sie will?" Ich war zugegeben verwirrt ob dieser Dynamik und Leidenschaft und ließ den Jungen mit seiner Mutter allein zurück. Schließlich verstehe ich nicht viel von Musik.

Am nächsten Abend, bei der Musiklehrerin, haben sie noch alle Umstände getestet (hab ich mir erzählen lassen): normales Geigenspiel, mit dem Rücken zum Publikum, auf dem Kopf stehend, im Duett, durch drei Türen hindurch. Nur den Klang unter Wasser haben sie ausgelassen. Und das Ergebnis?
Die Bewunderung gilt der Vollkommenheit, die Liebe dem Leben.
28.12.06 00:19
 


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